zwischen gestern und morgen

Zusammengebrochen ist der verrottete Dachstuhl. Im Hintergrund ragen Baukräne hoch in die Luft, gemalt sind sie in sanften, zarten Farben, in Weiß, Hellgrau, kaum wahrnehmbar. Aber dennoch präsent – und dem Betrachter zeigend: Hier bewegt sich etwas: Die Dinge verändern sich, hier formen Menschen ihre Zukunft. Im Gemälde What is not started today, is never finished tomorrow (2016) von Lisa Chandler reflektiert die Malerin nicht nur ihre Eindrücke der Stadt Leipzig, sie bezieht sich hier auch auf ein Zitat von Goethe – wie in jedem einzelnen Titel dieser neuen Serie.

Aus Neuseeland stammend betrachtet Chandler die Kunststadt Leipzig mit ganz neuen Augen. Nicht nur analysiert sie die Besonderheiten der früheren – und nun nach langer Pause wieder – boomenden Wirtschafts- und Buchdruckstadt, sie kombiniert auch verschiedene künstlerische Techniken miteinander. Acryl und Wachsstifte miteinander und diversen anderen Stiften vermischend, arbeitet sie seit Anfang 2016 auch mit Graffitispray als innovativem künstlerischem Medium. Dies ist komplett neu für sie. Sie begann damit einfach an einem bestimmten Tag und dies auf extrem mutige und riskante Art und Weise: Sie begann, die neue Technik auf einer beinahe vollendeten Leinwand auszuprobieren. Und es gelang. Zudem malt sie mit sehr unterschiedlichen Pinseln. Manchmal liegt die Leinwand auf dem Boden, und sie bearbeitet sie mit Spachteln und Schabern. Dadurch entwickelte sie eine unverwechselbare, einzigartige Bildsprache. Diese neue Serie von Lisa Chandler trägt den Namen Between yesterday and tomorrow (Zwischen gestern und morgen) und sie arbeitet daran seit ihrer Ankunft in Leipzig.

In ihrer neuen Serie verarbeitet sie ihre Impressionen dieser global betrachtet kleinen, aber sehr dynamischen Stadt, insbesondere auch was die kreative und künstlerische Szene betrifft. Mit ihrer langen und ambivalenten Geschichte inspiriert Leipzig viele Menschen mit seiner Architektur, welche von der Renaissance zum Barock und bis in die Gründerzeit reicht. Besonders aber die berühmten Gebäudekomplexe der Gründerzeit haben stark unter dem DDR-Regime gelitten und sollten abgerissen werden. Die Folgen sind bis heute wahrnehmbar, mehr als 25 Jahre nach dem Mauerfall. Auf dieses besondere Spannungsfeld bezieht Chandler sich auch mit ihrem Titel Zwischen gestern und morgen.

Tatsächlich ist Zwischen gestern und morgen nicht ihre erste Bilderserie. Vor Leipzig malte sie die sich verändernde Urbanität in China unter dem Titel „China Dream. From hútòng to high-rise” (2014). Diese Arbeiten wurden 2015 in einer repräsentativen Ausstellung in Nelson, Neuseeland gezeigt.

Jedes ihrer Bilder aus der neuen Reihe enthält jetzt jeweils „ein Fenster oder eine Tür oder eine Art von Gebäudestruktur, durch welche man hindurchsehen kann – eine Art von Portal oder Passage. Oder vielleicht auch eine Grenze oder ein Raum, durch den man in die Zukunft sehen kann …“, wie Chandler betont. Dies ist nicht nur ein sehr persönlicher Ansatz für sie selbst als Künstlerin, denn 2016 stellt sie ihr Leben auf den Kopf und fasst den Entschluss, von Neuseeland nach Deutschland zu ziehen. In der Tat hat diese Schwerpunktsetzung auch eine tiefgründige kunsthistorische Ebene, indem sie sich der grundsätzlichen Frage nach der Natur der Malerei an sich annähert: Ist das Bild „una finestra aperta“, also ein „offenes Fenster“, wie von dem berühmten Autor der italienischen Renaissance, Leon Battista Alberti vertreten? Und was zeigt uns der Blick durch das Fenster: Werden wir als Betrachter mit einer Fernsicht konfrontiert, oder mit einem Blick in das Innere, einer Introspektion?1 Meistens sind die beiden Aspekte kaum voneinander zu trennen, und so ist es meistens eine Kombination, eine Verbindung von innen und außen, von innerer und äußerer Landschaft.

Hier nun zeigt Lisa Chandler uns Baukräne und baufällig gewordene Architekturen, immer wieder freiliegende Dachstühle – Sujets, welche als deprimierend, hässlich oder langweilig empfunden werden könnten. Aber auch hier wiederum bewundernswert mutig fügt Chandler in all diese Darstellungen ein paar starke, frisch herausstechende Farben: Ein strahlendes Ultramarin, ein kräftiges Rostrot, saftiges Maigrün und Schneeweiß. Dies ist eine genuin ästhetische Aneignung der neuen Umgebung dieser ehrgeizigen Künstlerin.

Mondrianeske Strukturen und klare Linien bringen in einem Gemälde wie Die Schwierigkeiten wachsen, je näher man dem Ziel kommt (2016) Ordnung und Gelassenheit in ihre ornamentalen und floralen Sektionen. Bäume und Äste werden zu beinahe abstrakten Ornamenten. Chandlers ‚Drippings‘ erinnern uns an Jackson Pollock – wild und expressiv hingeworfene Farbtropfen ziehen sich immer wieder über ihre Bilder. Starke Verbindungen bestehen offensichtlich auch zu Künstlern wie Daniel Richter und Peter Doig. Ein in der zeitgenössischen Kunst selten zu findender Einflussfaktor ist heute sicherlich der Jugendstil, welcher in Chandlers Kunst aber sichtbar eine Hauptrolle spielt: Diese weich fließenden floralen Linien und Biegungen, klare Umrisslinien und strahlende Farben, wie sie beispielsweise in ihrer Arbeit Alles, was uns begegnet, läßt Spuren zurück (2016) zu beobachten sind, erinnern sowohl an Art Nouveau als auch an Pop Art. Auf diese Weise verbinden mehrere kunsthistorische und zeitgenössische künstlerische Referenzen ihre Kunst mit modernen Bildsprachen, nicht einmal Halt machend vor dem Comic. In ihren Bildern Man sieht nur das, was man weiß und (2016) sehen wir zum Beispiel von ihr eine frei erfundene comicartige Figur mit starrenden großen Augen, aber durchaus freundlicher Erscheinung.

Ein anderes Hauptwerk von Lisa Chandler ist ihr großformatiges Wer lebt, muss auf Wechsel gefasst sein (2016). Der Boden ist so gestaltet, als ob eine weisse Pyramide von der Unterseite des Bildes emporwüchse. Gänzlich neue Farben bereichern hier ihre Palette: dunkles violett, verschiedene Lila- und Türkistöne. Wiederum erscheinen einige abstrakte Rasterstrukturen, doch sind sie wesentlich unauffälliger, unaufdringlicher und schwerer zu entdecken, als in ihren früheren Arbeiten. Das kleine Fachwerkhaus strahlt eine heimelige Atmosphäre aus – andererseits könnte das Häuschen auch als eines dieser modernen Stadthäuser betrachtet werden, welche nun in Leipzig sehr oft zu entdecken sind. Diese Architekturen kombinieren gewöhnlich die Coolness und Stringenz der Bauhaus-Tradition mit der „typisch deutschen“ „Gemütlichkeit“ – einem Wort, das aufgrund seines Ausdrucks sogar ins Englische übertragen wurde. In diesem Gemälde entwickelte Chandler außerdem einen stark pastosen und expressiven Malstil. Auf der linken Seite fließen schwarze Drippings über Rostrot, Lila und hellem Grauweiß.

Ein dicker, glatzköpfiger Mann steht im rechten Drittel des Bildes. Die Künstlerin sah ihn jedes Mal, wenn sie über den Lindenauer Markt in Leipzig spazierte. Diese Person, welche nur herum steht, wartet und immer eine Flasche Bier in der Hand hält, trägt ein weißes T-Shirt und eine graue Jogginghose. Der Mann scheint einfach nur in die Gegend zu starren. Interessanterweise ist er durch einen Hauch Türkis leicht übermalt, was zu einer Vermischung von Körper und Raum durch Farbe führt.

Bei allen betrachteten Szenerien wirkt die Durchdringung von Raum, Formen und Farben unmittelbar als wesentliches Charakteristikum der Werke Lisa Chandlers. Die Farben setzen bei Chandler ihre Rechte durch und gelangen zu einem stark dynamischen Eigenleben. Für Chandler ist evident, dass Leipzig in diesem Moment eine breite Mischung von Kulturen beherbergt und zulässt – und es ist der Künstlerin wichtig, dieses Spezifikum in ihren Bildern einzufangen: Zwischen freiliegenden Dachstöcken und Kränen, zwischen einer blühenden Gegenwart und einer schwierigen Vergangenheit, zwischen Natur und Architektur zeigt Chandler uns die Leipzigs Realitäten Zwischen gestern und morgen.

© Dr. Sara Tröster Klemm, 2016